Vom andern aus lerne die Welt begreifen

Ein Mrchen

Emanuel Assup war durch Flei, Einsicht und Treue ein wohlhabender Gutsbesitzer geworden. Sein einziges Kind, ein stiller Junge, hie Schelich. Der hatte das Abitur bestanden. Nun sollte er einen Beruf ergreifen. Er uerte, befragt, etwas unsicher: Seemann. Der Vater redete ihm das aus. Das Marineleben sei ein hartes und gefhrliches. Schelich knnte mit seiner guten Schulbildung auf anderen Gebieten festeres Glck erreichen. Emanuel Assup fhrte das sehr sachlich und herzlich aus. Und er lie dem Sohn danach Zeit, sich in Ruhe auf etwas anderes zu besinnen.

Schelich ging spazieren. Durch den Garten, ans Meer, am Strand entlang, durch den Wald und ber die Felder. Er ftterte die Vgel und die Fische und sein Lieblingstier: eine Riesenschildkrte, die ihm der Vater zum Geburtstag geschenkt hatte. Fr das Tier war im Garten ein zehn Quadratmeter groes Gehege mit einem Bretterzaun abgegrenzt.

Nach mehreren Wochen erkundigte sich Herr Assup bei seinem Sohn: Bist du schon mit dir selber einig darber, was du werden willst?

Ich mchte Flieger werden.

Nein, mein Junge, das gebe ich nicht zu. Der Fliegerberuf ist ein wagehalsiger, und sein Ruhm befriedigt auf die Dauer keinen geistig begabten Menschen. berlege dir etwas Besseres. Ich lasse dir Zeit zum Nachdenken, so lange du willst. Aber ich warne dich vor dem Miggang. Werde nicht faul, wie es zum Beispiel diese Schildkrte ist, die tagelang auf ein und demselben Fleck liegt und noch nichts geleistet hat.

Der Sohn antwortete schchtern: Ist sie nicht dennoch ein groes Tier geworden?!

Da wandte sich der Vater lchelnd ab.

Schelich ging zur Schildkrte und fragte sie: Bist du glcklich? Aber sie gab keine Antwort, sondern zog sich in ihr Gehuse zurck.

Schelich fragte die Vgel: Seid ihr glcklich?

Ja! Ja! Weit ber die hchsten Trme, Wipfel und Gipfel, durch die lichten und wechselnden Wolken zu jagen, gegen Winde zu steigen; von Winden getragen, sich schwebend zu halten. Aus steilen Hhen sich fallen zu lassen, um kurz vor dem Aufprall die fangenden Schwingen zu entfalten und frei zu singen,  das ist wunderschn!

Da wurde Schelich sehr traurig. Ohne sich jemandem anzuvertrauen, verlie er eines Morgens das Haus seines Vaters und wanderte davon. Als er nach zwei Tagen den hchsten Punkt eines hohen Berges erreicht hatte, strzte er sich von einer steilen Felswand hinab. Zweifellos wre er in der Tiefe zerschmettert, wenn ihn nicht ein groer Vogel mit seinen Flgeln aufgefangen htte. Der trug ihn nun Meilen und Meilen weit ber Lnder und Meere durch die Lfte.

Fliegen ist schn! sagte Schelich.

Ja, fliegen ist schn, aber man muss es erlernen und verstehen. Und der Vogel setzte den jungen Mann in einer fernen, groen Stadt ab und entflog.

Schelich fhlte sich frohes Mutes und unternehmungslustig. Er suchte und fand eine Stellung bei einer Fliegereigesellschaft und wurde im Laufe einiger Jahre ein geschtzter Luftpilot. Obwohl er zweimal mit seinem Flugzeug abstrzte, kam er doch mit dem Leben davon und blieb gesund. Aber seinem Vater sandte er nicht das geringste Lebenszeichen. Er wollte ihn erst dann benachrichtigen, wenn er einmal durch eigene Kraft ein Vermgen erworben htte. Das gelang ihm nicht. Er ward des Fliegerlebens berdrssig, und seine Sehnsucht nach dem Vater wuchs und wurde so mchtig, dass er eines Tages heimkehrte.

Vater und Sohn fielen einander in die Arme. Sie weinten vor Rhrung und Dankbarkeit. Dennoch sprach Schelich kein Wort ber das, was er erlebt hatte. Und der Vater fragte mit keinem Worte danach, sondern verzieh schweigend. Aber Schelich war ganz erschrocken darber, wie sehr der Vater inzwischen gealtert war.

Und Schelich wurde noch ernster und nachdenklicher. Er eilte zur Schildkrte, fand sie am alten Platze und fragte: Wie geht es dir? Bist du glcklich?

Sie gab keine Antwort, sondern zog sich in ihr Gehuse zurck.

Schelich entfernte den Bretterzaun, der sie gefangen hielt. Der alte Assup kam zufllig hinzu und sagte erstaunt und nicht ohne Vorwurf: Warum zerstrst du, was ich errichtet habe!

Wieder lebte Schelich wie zuvor. Er ging spazieren und ftterte die Tiere. Einmal betrat er das Arbeitszimmer des Vaters und teilte diesem ruhig mit, dass die Schildkrte entflohen wre. Assup senior erregte sich sehr. Er wollte sofort seinen Jger und ein paar Knechte veranlassen, die Verfolgung aufzunehmen. Schelich beruhigte ihn: Es ist nicht ntig, Vater. Ich habe die Schildkrte bereits aufgesprt. Sie liegt drei Fu weit von der ehemaligen Zaungrenze entfernt.

Vater Assup lachte und klopfte dem Sohn freundlich auf die Schulter. Pltzlich wurde er wieder ernst und sagte, sich abwendend, leise: Man kommt nicht weit, wenn man sich heimlich entfernt.

Schelich fragte die Fische: Seid ihr glcklich?

Ja! Ja! Sich von den khlen Fluten so gtig weich allseitig umsplen, sich treiben zu lassen und tief zu tauchen in dunkles Reich, wo Wunder blinken; ohne zu ertrinken, durch hohe Wellen, durch Strudel und zischende Ben zu reisen, sich vorwrts zu schnellen; das Flieen von Khlung zu genieen,  ach, das ist wunderschn!

Da wurde Schelich noch trauriger. Er ruderte heimlich mit einem Boot hinaus in die hohe See und sprang dort ber Bord, um sich zu ertrnken.

Wre auch ertrunken, weil er nicht schwimmen konnte. Aber wie er so tiefer und tiefer absackte, fuhr ihm auf einmal ein groer Fisch zwischen die Beine. Der trug auf seinem Rcken ihn zur Wasseroberflche empor. Und dann auf weiter Reise davon, nach einem fernen Lande. Dort setzte er ihn in seichtem Strandwasser nahe einer Hafenstadt ab.

Ach, Schwimmen und Reisen ist schn!

Ja, aber es will erlernt sein. Mit diesen Worten entschwand der Fisch.

Schelich watete ans Ufer. Er war voller Energie und Hoffnung. Es glckte ihm bald, sich auf einem Segelschoner als Schiffsjunge zu verdingen. So fuhr er zur See nach entlegenen Ksten und wurde ein guter Seemann. Aber wiederum sandte er keinerlei Nachricht nach Hause, obwohl er diesmal noch strkere Sehnsucht nach dem Vater empfand als damals in seiner Pilotenzeit. Er wollte so lange als verschollen gelten und nur fleiig arbeiten, bis er dem Vater eines Tages als Kapitn gegenbertreten knnte. An diesem Entschluss hielt er fest. Manchmal meinte er, vor Sehnsucht umkommen zu mssen. Auch bereitete ihm sein Beruf auf die Dauer keine Befriedigung mehr. Doch Schelich avancierte rasch, wurde Leichtmatrose, Matrose, dann Bootsmann, dann Steuermann.

An dem Tage, da er sein Kapitnspatent erhielt, lie sich ihm ein Knecht aus seiner Heimat melden. Der hatte sich auch entschlossen, Seemann zu werden, und er brachte Schelich nun die Nachricht, dass Emanuel Assup vor einem halben Jahre gestorben wre.

Da kam ein schweres Schmerzgefhl ber den Sohn. Er reiste, so schnell er vermochte, heim.

Am Grabe des Vaters fiel er nieder und schluchzte bitterlich. Dann trieb es ihn zu der Schildkrte. Auch sie war tot. Ihr Gehuse mit den verwitterten Resten lag noch am alten Platz. Schelich bettete die Tierleiche in die Erde ein, neben dem Grabe des alten Assup.

Schelich irrte verzweifelt umher, fragte die Vgel und Fische, warum sie glcklich wren und warum er nicht glcklich wre. Doch die Vgel und die Fische antworteten ihm nicht mehr.

So machte er sich, unendlich einsam, daran, den Nachlass seines Vaters zu ordnen. Im Schreibtisch entdeckte er ein schlichtes Notizheft. Dahinein hatte der alte Herr noch mit zittriger Hand geschrieben:

Es sind die harten Freunde, die uns schleifen.
Sogar dem Unrecht lege Fragen vor.
Wer nimmer fragt, merkt nicht, was er verlor.
Vom andern aus lerne die Welt begreifen.