Winterrtsel
(Friedrich Wilhelm Gll)

Ich falle vom Himmel
in wirrem Gewimmel.
Ich schimmre
und flimmre
und decke das Land
zahllos wie Sand.
Doch unversehens
im Sonnenschein
schleich ich
und weich ich
und schlpf ins Dunkel
der Erde hinein.
*

Das Bblein auf dem Eise
(Friedrich Wilhelm Gll)

Gefroren hat es heuer
noch gar kein festes Eis.
Das Bblein steht am Weiher
und spricht zu sich ganz leis:
"Ich will es einmal wagen,
das Eis, es muss doch tragen.
Wer wei!"

Das Bblein stapft und hacket
mit seinem Stiefelein.
Das Eis auf einmal knacket,
und krach - schon bricht's hinein!
Das Bblein platscht und krabbelt,
als wie ein Krebs und zappelt
mit Arm und Bein.

"O helft, ich muss versinken
in lauter Eis und Schnee!
O helft, ich muss ertrinken
im tiefen, tiefen See!"
Wr' nicht ein Mann gekommen,
der sich ein Herz genommen,
o weh!

Der packt es bei dem Schopfe
und zieht es dann heraus,
vom Fue bis zum Kopfe
wie eine Wassermaus.
Das Bblein hat getropfet,
der Vater hat's geklopfet
es aus
zu Haus.
*

Der erste Schnee
(Friedrich Wilhelm Gll)

Ei, du liebe, liebe Zeit,
ei, wie hats geschneit, geschneit!
Ringsherum, wie ich mich dreh ,
nichts als Schnee und lauter Schnee.
Wald und Wiesen, Hof und Hecken,
alles steckt in weien Decken.

Und im Garten jeder Baum,
jedes Bumchen voller Flaum!
Auf dem Sims, dem Blumenbrett
liegt er wie ein Federbett.
Auf den Dchern um und um
nichts als Baumwoll rings herum.

Und der Schlot vom Nachbarhaus,
wie possierlich sieht er aus:
Hat ein weies Mllerkppchen,
hat ein weies Mllerjppchen!
Meint man nicht, wenn er so raucht,
dass er just sein Pfeifchen schmaucht?

Und im Hof der Pumpenstock
hat gar einen Zottelrock
und die ellenlange Nase
geht schier vor bis an die Strae.
Und gar drauen vor dem Haus!
Wr nur erst die Schule aus!

Aber dann, wenn s noch so strmt,
wird ein Schneemann aufgetrmt,
dick und rund und rund und dick,
steht er da im Augenblick.
Auf dem Kopf als Hut nen Tiegel
und im Arm den langen Prgel
und die Fe tief im Schnee
und wir rings herum, juchhe!

Ei, ihr lieben, lieben Leut,
was ist heut das eine Freud!
*

Der Mann von Schnee
(Friedrich Wilhelm Gll)

Schneemann dort am Gartenzaune
hat gar eine ble Laune.
Steht er da voll Trutz und Groll,
wei nicht, was er reden soll.
Und die Sonne blinkt und blitzt,
dass er wie ein Kranker schwitzt.
Weil der Himmel ist so blau,
rgert er sich braun und grau.
Weil die Wiesen werden grn,
rgert er sich schmal und dnn.

Schneemann ist in groer Not,
denn es winkt ihm schon der Tod.
Noch ein Schnapper, noch ein Schnauf
und er steht nicht wieder auf.
Kommen dann die schwarzen Raben,
seine Leiche zu begraben.
Und Schneeglcklein will vor Freuden,
ihm die Sterbeglocke luten.
Und die Lerch' vor allen Dingen
ihm ein Schlummerliedchen singen.

Aber wo ist er zu finden?
Vornen nicht, und auch nicht hinten.
Freilich, weil ihm ganz zerbrochen
an der Sonne seine Knochen,
weil zu Wasser er zerronnen
an dem Glanz der goldnen Sonnen.
Kommt der Storch dazu geflogen,
und die Schwalbe hergezogen,
fragen nach dem toten Mann,
niemand von ihm sagen kann.

Wlzt der Storch mit seinem Bein
an den Zaun hin einen Stein.
Und die Schwalbe mit dem Schnabel
Schreibt darauf die ganze Fabel:
Hier liegt Einer, der im Leben,
weiter keinen Taug gegeben;
der sich faul und sehr verstockt,
lebenslang daher gehockt;
und damit er doch nicht lnger
bleiben soll ein Miggnger,
und ein Griesgram und ein Hasser,
schmolz der Frhling ihn zu Wasser;
und damit will er begieen
all' die Blumen auf den Wiesen,
dass sie wei und gelb und grn
euch zur Lust und Freude blh'n.
*

Osterhslein
(Friedrich Wilhelm Gll)

Drunten an der Gartenmauern
hab' ich sehn das Hslein lauern.
Eins, zwei, drei -
legt's ein Ei,
lang wird's nimmer dauern.

Kinder, lasst uns niederducken!
Seht ihr's ngstlich um sich gucken?
Ei, da hpft's,
hei, da schlpft's
durch die Mauerlucken.

Und nun sucht in allen Ecken,
wo die schnen Eier stecken,
rot und blau,
grn und grau
und mit Marmelflecken!
*

Vom Muslein
(Friedrich Wilhelm Gll)

Die Kchin spricht zum Koch:
"Fang mir das Muslein doch!"
Es ist nichts sicher in Kch und Keller,
nicht in der Schssel, nicht auf dem Teller.
Wo's was riecht,
da ist es gleich,
wo's was kriegt,
da frisst es gleich;
wo ein Braten dampft,
kommt das Muslein und mampft.
Unter der Bank
in den Kchenschrank
hat es gebissen ein Loch.
Koch, fang mir das Muslein doch,
und jag es wieder aus dem Haus
in das freie Feld hinaus.
Da macht der Koch ein Gesicht
und spricht:
"Muslein, Muslein,
bleib in deinem Huslein!
Nimm dich in Acht
heut Nacht;
mach kein Gerusch
und stiehl nicht mehr das Fleisch:
Sonst wirst du gefangen
und aufgehangen."
Der Koch aber deckt zu alle
Schsseln und stellt die Falle
hinten im Eck
und tut hinein den Speck.
Sperrt die Kche zu, geht und legt sich zur Ruh.
Das Muslein aber ist ruhig,
und wispert leis: das tu ich!
Aber es hat nicht lang gedauert,
so kommt schon das Muslein und lauert.
Und sagt: "Wie riecht der Speck so gut,
wer wei, ob's doch was tut?
Nur ein wenig mcht ich beien,
nur ein wenig mcht ich speisen.
Einmal
ist keinmal!"
So spricht fein Muslein und schleicht,
bis es die Falle erreicht. Duckt sich
und buckt sich,
schmiegt sich
und biegt sich
ins Eck,
und ergtzt sich
am Speck.
Reit,
beit
und speist.
Platsch, tut's einen Knall
und - - - zu ist die Fall!
Das Muslein zittert vor Schrecken
und mcht sich verstecken.
Aber, so es will hinaus,
ist zugesperrt das Haus.
Es pfeift
und zappelt,
es kneift
und krabbelt.
berall ist ein Gitter,
und das ist bitter.
Uberall ist ein Draht,
und das ist schad.
Leider, leider
kann's Muslein nimmer weiter;
wr's nur gewesen gescheiter!
Unterdessen wird es Morgen,
da kommt die Kchin und will besorgen
den Kaffee
und den Tee.
Da sieht sie denn, was vorgegangen,
und wie das Muslein ist gefangen.
Ganz leis sacht
schleicht sie hin und lacht:
"Haben wir endlich doch erhascht
das Muslein, das immer von allem genascht.
Siehst du: Einmal
ist nicht keinmal.
Wrst du geblieben in deinem Loch,
gefangen htte dich nicht der Koch!"
*
