Ein groer Teich war zugefroren
(Johann Wolfgang von Goethe)

Ein groer Teich war zugefroren.
Die Frschlein, in der Tiefe verloren,
durften nicht ferner quaken, noch springen,
versprachen sich aber, im halben Traum:
Fnden sie nur da oben Raum,
wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
nun ruderten sie und landeten stolz
und saen am Ufer weit und breit
und quakten wie vor alter Zeit.
*

Erinnerung
(Johann Wolfgang von Goethe)

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glck ergreifen,
denn das Glck ist immer da.
*

Gefunden
(Johann Wolfgang von Goethe)

Ich ging im Walde
so fr mich hin,
und nichts zu suchen,
das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
ein Blmchen stehn,
wie Sterne leuchtend,
wie uglein schn.

Ich wollt es brechen,
da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
gebrochen sein?

Ich grubs mit allen
den Wrzlein aus,
zum Garten trug ichs
am hbschen Haus.

Und pflanzt es wieder
am stillen Ort;
nun zweigt es immer
und blht so fort.
*

Der Fischer
(Johann Wolfgang von Goethe)

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,
ein Fischer sa daran,
sah nach dem Angel ruhevoll,
khl bis ans Herz hinan.

Und wie er sitzt und wie er lauscht,
teilt sich die Flut empor,
aus dem bewegten Wasser rauscht
ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut
mit Menschenwitz und Menschenlist
hinauf in Todesglut?

Ach wsstest du, wies Fischlein ist
so wohlig auf dem Grund,
du stiegst herunter, wie du bist,
und wrdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
nicht doppelt schner her?

Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
das feucht verklrte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
nicht her in ewgen Tau?

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,
netzt ihm den nackten Fu,
sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
wie bei der Liebsten Gru.

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
da wars um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
und ward nicht mehr gesehn.
*

Erlknig
(Johann Wolfgang von Goethe)

Wer reitet so spt durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
er fasst ihn sicher, er hlt ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? 
Siehst, Vater, du den Erlknig nicht?
Den Erlenknig mit Kron und Schweif? 
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schne Spiele spiel ich mit dir.
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
meine Mutter hat manch glden Gewand.

Mein Vater, mein Vater, und hrest du nicht,
was Erlenknig mir leise verspricht? 
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind:
In drren Blttern suselt der Wind.

Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Tchter sollen dich warten schn.
Meine Tchter fhren den nchtlichen Reihn
und wiegen und tanzen und singen dich ein.

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlknigs Tchter am dstern Ort? 
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.

Ich liebe dich, mich reizt deine schne Gestalt;
und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. 
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlknig hat mir ein Leids getan!

Dem Vater grausets; er reitet geschwind,
er hlt in Armen das chzende Kind,
erreicht den Hof mit Mhe und Not.
In seinen Armen das Kind war tot.
*

Lebensregel
(Johann Wolfgang von Goethe)

Willst du dir ein hbsch Leben zimmern,
musst ums Vergangne dich nicht kmmern.
Und wre dir auch was verloren,
musst immer tun wie neu geboren.
Was jeder Tag will, sollst du fragen,
was jeder Tag will, wird er sagen.
Musst dich am eignen Tun ergtzen,
was andre tun, das wirst du schtzen.
Besonders keinen Menschen hassen
und das brige Gott berlassen.
*

ber allen Gipfeln
(Johann Wolfgang von Goethe)

ber allen Gipfeln
ist Ruh,
in allen Wipfeln
sprest du
kaum einen Hauch.
Die Vgelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
ruhest du auch.
*
